Die orangen Funken

Ich bin ja mit dem Kopf immer noch ein bisschen im Karneval. Am Rosenmontag nehme ich mir mein Kölsch mit hinaus und hocke mich neben die Tür der Kneipe. Das Mädchen, das mir das Kölsch gegeben hat, kommt kurz darauf auch heraus, hockt sich neben mich, zündet sich eine Zigarette an und sagt „Ich kann nicht mehr…“.

Ich habe Respekt vor dem Job. Ich hatte ja viele Arbeitsstellen gehabt, als ich so in dem Alter war, aber die Arbeit an der Theke, nein, die war nie etwas für mich – obwohl es ja im Karneval auch ordentlich Trinkgeld gibt, wenn der Wirt nicht exakt zwei Euro für das Glas Kölsch nimmt.

Am nächsten Tag, Veilchendienstag, begegnet mir die Truppe auf dem Bild nach dem Zug in Sülz, die orangen Funken der „Abfallwirtschaftsbetriebe der Stadt Köln“ – AWB. Auch so ein undankbares Geschäft im Karneval. Die können den ganzen Mist wieder schnell aufräumen.89608525_727433550995291_2292490303782780928_o

Ich meine, sie laufen dort ja nicht herum und kehren ein wenig die Straße. Nein, wenn man eine Weile zuguckt, sieht man, dass die Bewegungen alle geplant sind. Seit ein paar Jahren gucke ich gern mal kurz zu. Ich habe eine Freundin aus Finnland. Sie stand mal mit mir da und guckte ganz fasziniert auf die Wagen mit den drehenden Bürsten und sagte „Nein, das gibt es bei uns nicht“. Ich meine, wir schauen uns den Zug an, feiern, haben Spaß und sie sieht die Truppe und kommt ins Staunen… Ist klar, dass ich jedes Jahr dastehe und ein wenig vor mich hinlächele.

Richtig mit Disziplin müssen sie nach dem Rosenmontagszug kehren. Habt Ihr Euch das mal überlegt? Wir stehen da ja noch mit Kölsch und feiern. Aber sie müssen um die Menschen herum den Dreck wegkehren. Das geht nur in Formation, quasi in Reih und Glied und der Chef des Einsatzes hat das zu koordinieren wie ein Offizier. Und guckt mal erst auf der Severinstraße zu. Dort liegt ja noch Sand für die Pferde und wir stehen ja noch alle ganz eng zusammen.

Und wir haben ja nicht nur den Rosenmontagszug und den in Sülz. Es sind ja ungefähr 70 Umzüge. Wie lang gehen die wohl im Durchschnitt? Vielleicht fünf Kilometer? Dann wären das 350 Kilometer Straßen, die die zusammen 780 Straßenfeger, die die Stadt hat, fegen müssen. Aber wir sind ja auch überall in der Stadt, wie Bazillen, und sauen einen großen Teil von unseren 476.230 Kilometern Straßennetz mit 400 Tonnen Abfall ein.

Wie ich so über die AWB lese, stelle ich fest, dass es diese erst seit 2001 gibt. Wer würde das dann machen, wenn es sie nicht gäbe? Gut, in meiner Jugend, in den Siebzigern, gab es auch Straßenfeger. Nur war das kein eigenes Unternehmen, sondern eine Abteilung der Stadt. Aber wisst Ihr, dass es die erst seit 1890 gibt? Der Rosenmontagszug ist älter, der läuft seit 1823…

Davor haben wir selbst die Straßen gefegt. Im Mittelalter, weiß man ja, haben wir den Abfall und Kot einfach auf die Straße gekippt. Erst im 15. Jahrhundert kamen sie auf die Idee, dass das nicht gut sein kann und haben den Bürgern verboten, den auf die Straßen zu schippen. Es gab auch Verträge mit den Bauern, dass sie den Abfall abholten und auf die Felder streuten. Aber schippen mussten du und ich.

Dann kamen die Franzosen, die da 1801 mehr Ordnung hineinbrachten. Da mussten du und ich den Dreck nur noch von der Mitte der Straße an die Hauswand schippen. Den Rest machten dann Fuhrleute, die den Dreck aufnahmen und an die Bauern verkauften. Im Grunde blieb das so, bis die Stadt so groß war, dass das alles nicht mehr funktionierte und die Preußen seit 1871 diskutierten, wie man es besser lösen könnte. Aus diesem Einfall, den die Preußen da hatten, hat sich seit 1890 eben das entwickelt, was heute unsere AWB ist. – Sonst würden wir heute noch schaufeln…

Habt Ihr auch solche Menschen, wo Ihr froh seid, dass es sie im Karneval gibt?

Michael

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