Noch ein Wahrzeichen

Ja, so würde auch ich sie bezeichnen. Denn egal, ob auf Postkarten, selbst gemachten Fotos oder einfach nur, wenn man, wie ich gerade, den Rheinboulevard entlang geht…und sie betrachtet, sie fällt genauso ins Auge und gehört zu diesem gewohnten Bild wie ihr großer Bruder, der Dom. Wen ich meine? Groß St. Martin, eine der zwölf großen romanischen Kirchen der Stadt. Und auch wenn ich den Dom eben als großen Bruder bezeichnet habe…ist Groß St. Martin doch die ältere unter den „Geschwistern“. Eingebettet in Wohn- und Geschäftshäuser steht die dreischiffige Basilika mit dem Chor in Kleeblattform (Dreikonchenchor) in der Kölner Altstadt, im Martinsviertel direkt in Rheinnähe.

In römischer Zeit befand sich dort eine vorgelagerte Insel. Wie man bei Ausgrabungen in den 1970er Jahren herausfand, hatten die Römer im ersten Jahrhundert dort sogar eine Sportanlage mit Schwimmbecken gebaut. Ein knappes Jahrhundert später allerdings blühte der Handel in Köln derart, dass auf diesem Platz eine Lagerhalle errichtet wurde. Nachdem die Franken im 5. Jahrhundert dann die Herrschaft übernommen hatten, entstand aus dieser Halle die erste dem heiligen Martin geweihte Kirche.

500 Jahre nach dem ersten Bau wurde auf den Grundmauern der römischen (ehemaligen) Lagerhalle ein Neubau der Kirche errichtet. Allerdings wurde auch dieser nicht sehr alt, denn bereits 1150 sorgte ein großer Stadtbrand dafür, dass die Martinskirche wieder vernichtet wurde. Man wartete jedoch nicht lange mit dem Wiederaufbau und machte sich sofort an die Arbeit. Das Langschiff des Neubaus wurde ebenfalls auf den Grundmauern der römischen Lagerhalle errichtet. Der Dreikonchenchor konnte schon 1172 geweiht werden (für Kölner keine schlechte Bauzeit, das aber nur am Rande).

Nicht lange danach entstand der überdimensionale Vierungsturm mit seinen vier Türmchen (zur Erklärung: Vierung bedeutet, dass hier im Kirchenraum Haupt- und Querschiff zusammentreffen. In Kirchen mit dem Grundriss eines Kreuzes wird also dort der Chor vom Langhaus getrennt. Daher nennt man den Turm, der sich direkt über dieser Stelle befindet, Vierungsturm. Bei unserem Dömchen ist das übrigens genauso, achtet mal darauf).

Ich bin inzwischen über die Hohenzollernbrücke auf die andere Seite spaziert und stehe nun unterhalb von Groß St. Martin. Diese Kulisse mit den bunten Häuschen davor ist schon was Besonderes. Der Turm bietet wirklich einen mächtigen Anblick und ist aus der Kölner Skyline nicht wegzudenken. Im Gegensatz zu Meister Gerhard, der beim Dom genauer kaum hätte rechnen können, hatten sich hier die Baumeister allerdings etwas vertan, denn der Turm war zu hoch geworden und dementsprechend auch zu schwer. Aus statischen Gründen – die westlichen Türmchen stürzten in den Jahrhunderten nämlich mehrmals ein – wurde beim Neuaufbau nach dem zweiten Weltkrieg, bei dem die Kirche zu großen Teilen, mal wieder, zerstört wurde, eine unsichtbare Verstärkung aus Beton eingebracht.

Als ich die Basilika betrete, erwartet mich schlichte Schönheit. So imposant Groß St. Martin von außen wirkt, so schlicht ist sie innen gestaltet und strahlt dabei doch etwas aus. Ich denke, der Innenraum wirkt auf die Menschen in verschiedener Weise. Zum einen erhaben, zum anderen, und so habe ich es in diesem Moment empfunden, auch einsam. Das aber muss jeder für sich selbst herausfinden. Einen Besuch dort kann ich euch nur empfehlen. Übrigens: In der Krypta unter dem Chor kann man die Fundamente aus römischer Zeit bewundern.

So „Kleine“, du wirst zwar immer im Schatten deines großen Bruders stehen…aber du bist ebenso ein Teil dieser wunderbaren Stadt, die so viel zu erzählen hat.

Eure Ramona

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