Ein Tropfen zuviel

Als ich es zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe, dachte ich an einen Lokschuppen. Ähnlich wie das Gebäude in Thielenbruch am Straßenbahnmuseum. Immerhin liegt das wohl schönste Gebäude Ostheims direkt an der KVB Linie.

Doch was ist dieses imposante Bauwerk wirklich?

Erbaut wurde es 1904, somit ist es heute bereits 115 Jahre alt.
Bis 1912 war es als Dampfkraftwerk in Betrieb und diente der Stromversorgung Ostheims. Später wurde es als Umspannwerk der Rhein- Energie für die KVB genutzt. Auf der Rückseite befinden sich Wohneinheiten und auch ein Atelier.IMG_20191006_145714

Es diente bereits früh als Künstlertreff, wo sich u. a. der Documenta-Künstler Michael Buthe angesiedelt hatte. Leider verstarb er bereits 1994, mit nur 50 Jahren. Sein Ausspruch: „Es gibt keine Kunst, es gibt nur Leben!“, ist in Szenekreisen legendär.
Auch der Künstler Marcel Odenbach legt bis heute Spuren im alten Umspannwerk, lebt er doch immer noch dort. Bekannt ist er hauptsächlich durch seine Videoproduktionen.
Damit nicht genug, der international bekannte Kölner Schauspieler Udo Kier lebte ebenfalls viele Jahre in einer Wohneinheit des alten Umspannwerks.
Kunst ist ja bekanntlich etwas prägendes, so drückt ein jeder Künstler der Umwelt seinen Stempel auf. Manche sind sogar abwaschbar, andere bleiben ewig.

Michael Buthe bemalte die Innenwände seines Ateliers in Rot und Gold. Farben, die er auch mit seiner Kleidung nach außen trug. Bekannt war vor allem sein goldener Schal. Damit brachte er seine Liebe zum Orientalischen zum Ausdruck.
Übrigens regte er sich damals schon über das Unsoziale dieser Welt auf und sammelte vermeintlichen Konsummüll ein, aus dem er dann Kunstwerke formte.IMG_20191006_145827

Einige Künstler in unserer Kölner Region haben dies beibehalten, um nur mal H. A. Schult zu nennen, der den meisten Kölnern wohl bekannt sein dürfte. Oder seine freundliche bunte Muse Elke Koska. Aktuell macht auch wieder Rolf Ketan Tepel auf den Konsummüll aufmerksam und verarbeitet Kronkorken zu Kunst.
Manchen Menschen mag dies alles sehr unsinnig erscheinen. Stellt sich heute ja oftmals die Frage, „ist das Kunst oder kann das weg?“ Doch der bekannteste bildende Künstler, den das Umspannwerk beherbergt hat, sagte einst:

„Scheitern gehört dazu, das muss man können!“ (Michael Buthe)IMG_20191006_145834

Viele dieser durchdachten Thesen, stellte er in langen Tagen und Nächten im ehemaligen Dampfkraftwerk auf. Zurzeit kann man etwas von seinem Schaffen, in der Villa Zanders in Bergisch Gladbach bewundern.

Doch zurück zum Gebäude, welches so gar nicht in diese neuzeitliche Ecke passen will und oft auch beim Vorbeifahren nicht einmal bemerkt wird. Dann nämlich, wenn die Busse der KVB davor parken und die spontane Sicht nehmen.
Zwei Kölner Stadtwappen aus der Zeit um 1900 zieren das Gebäude. Eines an der Vorder- das andere an der östlichen Rückfront. Das am vorderen Teil ist „politisch Korrekt“ mit 11 Tropfen dargestellt, während rückseitig das Stadtwappen 12 Tropfen aufweist und somit heraldisch falsch ist.

Also ein Tropfen zuviel!

Die Kölner nennen die Tropfen auch Tränen, manche sagen Flammen oder Zungen dazu. Eigentlich sind es aber wohl Hermelinschwänze, wie sie auch im Wappen der Bretagne vorkommen. Auch dort sind es 11!
Im Kölner Stadtwappen sollen die Tropfen an die Legende um die Hl. Ursula erinnern. Stehen die Tropfen, bzw. die Hermelinschwänze der Bretagne doch für absolute Reinheit, also Unschuld, was zu den Jungfrauen um Ursula passt.
Und manchmal ist es halt ein Tröpfchen zuviel.
Doch Köln ist tolerant, auch gegenüber seinen Fehlern. So bleibt alles wie es ist und im historischen Originalzustand.
Seit 1996 hält auch der Denkmalschutz den Daumen drauf und erklärte das Gebäude zum Industriedenkmal.

Wenn ihr also einmal in Ostheim seid, solltet ihr es „eines Blickes würdigen“!
Alleine schon wegen seines Jugendstil- Baustils, aber erst recht als Hommage an die große Kunst, die dort produziert und gelehrt wurde. Denn dort versammelte sich zu Buthe- Zeiten, die Boheme der bildenden Kunst, ließ sich inspirieren vom großen Meister und viele von den damals jungen Leuten wurden später Maler, Schauspieler, Puppenspieler usw.

Für heute habe ich nun genug erzählt, über Kunst und Historie, aus dem rechtsrheinischen Köln Ostheim. Ihr denkt vielleicht, das war es dann auch schon? Weit gefehlt, denn Ostheim hatte dereinst den bedeutendsten Militärflughafen Kölns. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Habt einen schönen Sonntag, genießt das Leben und die Kunst des Selbigen.

Eure Elisabeth

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