Der Erzbischof in der Tiefgarage

Zumindest würde Anno sich in einer solchen befinden, hätte seine Flucht aus einem Loch in der Stadtmauer fast tausend Jahre später stattgefunden…denn dort, wo früher freies Land war, befindet sich heute die Tiefgarage unter der Domplatte des Kölner Domes. Aber nicht nur die. Auch eben genannte Stadtmauer mit dem sogenannten „Annoloch“ befindet sich ebenfalls dort. Oder vielmehr das, was an dieser Stelle davon übrig ist.

Ist schon ein seltsames Gefühl, wenn man die Treppe des Parkhauses (beim U-Bahn-Abgang) hinunter geht und auf der einen Seite die Reste dieser römischen Stadtmauer vorfindet und auf der anderen Seite die modernen Fahrzeuge. Ich wage mal zu behaupten: sowas gibts auch nur in Köln. Aber diese Stadt ist an Kuriositäten ohnehin kaum zu übertreffen.

Ich bin aber nicht wegen der Autos hier, sondern um ein „Spektakulum“ vergangener Zeit auf mich wirken zu lassen. Denn durch dieses Loch in der Mauer flüchtete damals Erzbischof Anno, dessen Geschichte ich euch heute erzählen möchte…

Anno II. von Köln, weitere Namen Hanno von Köln, oder Hanno II. und vermutlich gibt es noch einige weitere, wurde um das Jahr 1010 in Schwaben geboren und stammte aus einer Familie mit eher niederem Adelsstand. Etwas werden konnte er also nur über eine kirchliche „Karriere“. Am Bamberger Dom besuchte er sodann die Domschule, an der er später selbst auch unterrichtete. Nachdem ihn Heinrich III. als Kaplan an den kaiserlichen Hof geholt hatte und ihn um 1054 zum Dompropst von Goslar ernannte, wurde er ebenfalls durch Heinrich III. zum Erzbischof von Köln.

Vom Wesen her wird er als diszipliniert und beherrscht in seinem Denken und Handeln beschrieben, des Weiteren allerdings auch als oft skrupellos. Dazu später mehr…
Veränderungen innerhalb der katholischen Kirche gegenüber war er zwar offen, aber viel wichtiger war es ihm, der Kölner Diözese zu mehr Reichtum zu verhelfen.

Insgesamt war Anno den Kölnern nicht sehr sympathisch, denn obwohl er auch Gutes tat, wie zum Beispiel den Bau der Kirche Maria ad Gradus oder mehrerer Klöster und Stifte, so war er auf der Gegenseite ein Mann, der von Macht besessen war. So vereinnahmte er den Siegberg (neuzeitlich Siegburg) und entmachtete die rheinische Pfalzgrafenfamilie. Und bei Kaiserswerth lockte er den 11-jährigen König Heinrich, auf ein Schiff und entführte ihn. Dieser versuchte zwar, sich mit einem Sprung über Bord zu retten, aber vergebens, er wurde aus dem Wasser gezogen und wieder auf das Schiff gebracht. So konnte Anno im Namen des kindlichen Königs zusammen mit einigen anderen Fürsten die Herrschaft im Reich ausüben.

Was er noch alles von Amts wegen gutes oder schlechtes getan hat, lässt sich hier gar nicht alles aufzählen. Den größten Fauxpas aber leistete er sich im Jahre 1074, welcher die Kölner völlig erbost in einen Aufstand gegen ihn trieb. Der Erzbischof ließ nämlich an jenem Abend das Schiff eines Kaufmanns beschlagnahmen, um seinem Gast, Friedrich I., Bischof von Münster, eine Gelegenheit zur Heimfahrt zu beschaffen. Der Kaufmann jedoch ließ sich das nicht gefallen und widersetzte sich. Innerhalb kürzester Zeit war die ganze Stadt in Aufruhr und wollte dem ungeliebten Erzbischof, den die Bewohner der Stadt aufgrund verschiedener Dinge, wie zu hohe Steuern oder seiner Strenge und Rücksichtslosigkeit, sowieso schon ablehnten, an den Kragen.

Anno flüchtete mit seinen Männern vor der Meute und schaffte es schließlich, durch die, heute Annoloch genannte, Lücke in der Stadtmauer aus der Stadt zu entkommen. Trotz seiner Flucht vermochte es der Erzbischof, bewaffnete Untergebene um sich zu versammeln und nur vier Tage später kehrte er zurück, um Köln zu belagern. Aufgrund der drohenden Gewalt ergaben sich die Aufrührer und öffneten Anno die Stadttore…die Strafen, die der Erzbischof erließ, waren teilweise sehr brutal, zumindest für die, die sich weigerten, Buße zu tun.70162201_597771550628159_3258048709119705088_n

Am 4. Dezember 1075 starb Anno in Siegburg. Drei Tage lang wurde sein Leichnam in einer Prozession in alle Klöster und Stiftskirchen in Köln gebracht und aufgebahrt. In Siegburg schließlich wurde er beigesetzt.
Als Erzbischof Anno im Jahre 1183 heiliggesprochen wurde, grub man seine Gebeine aus und bestattete sie in einem Schrein, der, so vermutet man zumindest, ebenso wie der Schrein der Heiligen drei Könige, von Nikolaus von Verdun erschaffen wurde. Bis 2016 stand der Anno-Schrein in einer Seitenkapelle der Siegburger Abtei, bevor diese aufgelöst wurde. Seitdem befindet er sich in der Schatzkammer der nahegelegenen Kirche St. Servatius.

Wenn ihr das nächste Mal in die Tiefgarage unter der Domplatte kommt, verweilt doch mal für einen Augenblick beim Annoloch…und lasst euch in die Zeit von vor fast eintausend Jahren entführen…

Bis bald, eure Ramona

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