Abendliche Glaubenswege

Ich möchte euch heute auf eine besondere Führung durch unseren Dom mitnehmen. Das heißt…Führung ist nicht das richtige Wort, denn dieser Weg, der hier gegangen wird, ist ein Glaubensweg. Dieser am Abend, wenn alle Besucher den Dom verlassen haben, was jetzt in den Sommermonaten um 21 Uhr der Fall ist und der Dom geschlossen wird, stattfindende Glaubensweg, wurde von Herrn Dompropst Gerd Bachner, seines Zeichens „Hausherr“ des Kölner Domes ins Leben gerufen.

Aber um was genau geht es hier…?

Bei den Führungen für die vielen Tausende Menschen, die täglich den Dom besuchen, wird erklärt, wie alt der Dom ist, wie lange es gedauert hat, bis er fertiggestellt war, den Anlass zum Bau dieser Kathedrale. Solche Dinge. Hier aber lassen uns ausgewählte Menschen, die in enger (auch beruflicher) Verbindung zum Dom stehen, durch ihren eigenen Bezug zu den einzelnen Orten in dieser Kathedrale andere Sichtweisen erkennen, lassen uns tiefer blicken. Lassen uns den Dom anders erleben.

Ich bin vor kurzem einen solchen Weg mitgegangen und davon möchte ich euch jetzt erzählen…

Noch eine Viertelstunde bis zur Domschließung. Noch immer gehen Menschen in den Dom hinein, um ihn zu betrachten, einige wollen vielleicht auch noch für einen kurzen Moment die nun langsam einkehrende Stille dort genießen, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Ganz früh morgens oder eben jetzt, ist es hier im Dom am schönsten.
Wir, eine kleine Gruppe, denn die Teilnehmerzahl ist begrenzt, finden nach und nach im inneren Eingangsbereich zusammen. Die letzten Besucher werden nun über Lautsprecher in verschiedenen Sprachen und ja, zum Schluss sogar „op kölsch“ aufgefordert, den Dom zu verlassen. Kurz darauf schließt ein Domschweizer die Tür.

Stille…

Selbst wir flüstern nur. Ehrfurcht und Demut…diese beiden, die ich am Tage bei so vielen Touristen oft vermisse, machen sich jetzt bei allen deutlich bemerkbar.

Das erste Gefühl, welches ich habe, wenn ich mich nun im fast menschenleeren Dom umschaue, ist, dass er jetzt zum Leben erwacht. Klingt vielleicht seltsam, jetzt, wo diese Menschenströme nicht mehr da sind. Dass er jetzt spürbar ist, viel mehr, als das tagsüber überhaupt möglich wäre.

Dann werden wir zur ersten der vier ausgewählten Stationen mitgenommen, den sich der heute mit uns Gehende ausgesucht hat. Ich werde bewusst nicht jede Station benennen, zum einen, um nicht allzu viel vorwegzunehmen, für diejenigen, die an einem solchen abendlichen Glaubensweg einmal selbst teilnehmen wollen, zum anderen wählt jeder „Leitende“ seine ganz persönlichen Orte hier aus und vermittelt dementsprechend auch ein anderes Gefühl dazu. Zwei Punkte jedoch möchte ich dennoch herausnehmen, die mich besonders berührt haben. Dazu gleich mehr.

Ein ganz besonderer Moment kam, als wir – jeder allein für sich in seinem ganz eigenen Tempo und in einem Abstand von mehreren Metern zum jeweils Nachfolgenden – den Weg durchs Langhaus gehen sollten. Auf diesen Metern war man quasi völlig allein. Wie diese Kathedrale in diesen Momenten gewirkt hat, kann man kaum beschreiben, das muss man selbst gefühlt haben.

Der erste der zwei Punkte, die ich eben erwähnte, war dann der Bereich des mittelalterlichen Chorgestühls, welcher nun für uns geöffnet war. Einen Blick durch die Gitter zu werfen oder tatsächlich einmal dieses Gestühl aus nächster Nähe betrachten zu können, die „Geheimnisse“, die unter den Sitzflächen versteckt sind, teils sehr menschliche Bildnisse, wenn ihr versteht, und sogar darauf Platz nehmen zu dürfen, dazwischen liegen Welten. Und ich spreche ganz sicher nicht nur für mich, wenn ich sage, dass uns ein gewisser Stolz erfüllte.

Der zweite Punkt war die Sakristei, das heißt, der Teil, in welchem zum Teil riesige, in pompöse Rahmen gefügte, gemalte Portraits der verschiedenen Erzbischöfe hängen. Selbst der jetzige Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, ist hier bereits verewigt. Und um mal auf die andere, tiefere Sichtweise zurückzukommen…jeder auf diesen Bildern Gemalte war bzw ist ein Erzbischof. Alle, besonders die Erzbischöfe aus älterer Zeit, sind mit edler Kleidung abgebildet worden, eben in ihrem jeweiligen Ornat. Und dennoch sind sie nicht jeder allein für sich, sondern Teil einer Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, im Glauben und ihrem Wirken verbunden. So, wie auch wir alle Teil einer Gemeinschaft sind…Menschheit genannt. Das sollten wir nie vergessen.

Die Sakristei war im übrigen auch der letzte Punkt dieses Abends und wir wurden nun durch eine Seitentür auf der „Papstterrasse“/Roncalliplatz wieder ins weltliche Leben entlassen. Ich drehte mich noch einmal zum mittlerweile beleuchteten Dom um, denn dieser Abend ging schon nahe und wieder zum „Normalen“ überzugehen, dauerte eine Weile, die ich dazu nutzte, noch einen Spaziergang durch die Altstadt zu machen, während mein Blick immer wieder zum Dom schweifte.

Ich wünsche jedem, der diesen abendlichen Glaubensweg einmal geht, ebensolche schönen Momente, wie ich sie dort erlebt habe.

Bis bald, eure Ramona

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