Fratzen, Engel und Dämonen

Himmlisches Jerusalem auf Erden werde ich genannt. Ein Gebirge aus Stein werde ich genannt. Und tatsächlich bin ich das auch. Und wen meine äußere Erscheinung schon fasziniert, ist ergriffen, wenn er mich schließlich betritt und umgeben ist von meinen gewaltigen Säulen, den kunstvollen Fenstern, darüber den Gewölbedecken, meine mich tragenden Fundamente, um nur einiges zu nennen. Außen dieses unglaublich filigran wirkende Strebewerk. Aber wer dort genauer hinsieht, findet noch etwas anderes. Kennt ihr diese Wimmelbilder? So ähnlich verhält es sich auch mit diesen „Wesen“. Manche sind schon etwas schwer zu entdecken, da sie nicht, wie andere ihrer Artgenossen weiter unten, direkt zu sehen sind. Sie schauen von weiter oben auf uns herab.

Wovon ich euch erzähle? Von den vielen, vielen kleinen und großen Figuren, mit denen man mich verschönert hat. Ok, verschönert trifft es nicht unbedingt, denn außer den Engeln, wovon sich übrigens gleich 8 allein an meinem Vierungsturm tummeln, jeder einzelne über 4 Meter groß und über 2 Tonnen schwer, Heiligen und Aposteln, trifft man auch auf recht schräge Gestalten. Mischwesen mit hässlichen Fratzen, Dämonen, Hexen, hundeähnlichen Tiergestalten, Geißböcken (oder ähnliches) und ja, selbst Teufel bevölkern mich geradezu.

Aber was, und ich sage bewusst, „um Himmels Willen“ haben solche Kreaturen auf einer Kathedrale wie mir zu suchen? Das passt doch nicht – könnte man meinen. Aber…und jetzt kommt der Himmel wieder ins Spiel…viele dieser Wesen aus Stein sind Wasserspeier, die das in Rinnen gesammelte Regen- und Schmelzwasser von mir fernhalten sollen. Ohne diese Wasserspeier würden meine Mauern sehr viel schneller verwittert sein und auch die sensiblen Fenster, die teils sehr alt sind, hätten gelitten. All die Menschen, die ihre ganze Kraft daransetzen, mich zu erhalten, kämen ja mit ihrer Arbeit gar nicht mehr hinterher und das wäre sehr schade, denn stellt euch Köln mal ohne Dom vor…wahrlich kein schöner Gedanke, also schnell weg damit.

Einige dieser Wasserspeier wurden schon sehr früh an meinem gerade vollendeten Chor angebracht, andere erst später, zum Teil erst im 19. und 20. Jahrhundert. Einige stammen sogar aus diesem Jahrhundert, sind also noch relativ jung. Erstaunlich, an was schon meine ersten Baumeister so alles dachten.

Manche Speier mussten allerdings schon erneuert werden, weil der Zahn der Zeit an ihnen nagte. Einige Originale bzw. Gipsmodelle der Originale befinden sich heute im Depot der Dombauhütte, während andere längst verschollen sind.

Warum aber nahm man nun solch dämonische Kreaturen, die doch dem Liebreiz der Engel so widersprachen? Im Mittelalter (und ihr wisst ja, der Grundstein für mich wurde bereits 1248 gelegt), glaubte man noch sehr an Dämonen. Eine Möglichkeit, was man sich also bei der Wahl dieser Kreaturen dachte, ist die, dass man glaubte, damit Böses von mir fernhalten zu können, sogar, dass bei Unwettern dämonische Kräfte am Werk waren. So heißt es, dass der Teufel in einer Sturmnacht im Oktober 1434 aus Zorn über die Wallfahrt der Menschen zu den drei Heiligen einen schweren Stein nach dem Schrein geworfen, aber knapp verfehlt haben soll. Seltsam, daran kann ich mich gar nicht erinnern.

Des Weiteren dienten Wasserspeier auch dazu, auf Moral und Sitte hinzuweisen, indem man Bildnisse menschlicher Ausschweifungen an mir anbrachte. Übrigens nicht nur an mir, auch andere Bauten wurden auf diese Weise verschand…“verschönert“. Noch dazu kommen hunderte von Mini-Zierwasserspeiern. Die haben, wie einige ihrer großen Brüder und Schwestern keine weitere Funktion, außer einfach nur da zu sein.

Sehenswert sind sie allesamt. Wenn ihr mich das nächste Mal besucht, schaut mich mal etwas genauer an. Ihr werdet überrascht sein

Eure Ramona

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