Der rote Becker

Im Friesenviertel, genauer gesagt, am Haus der Friesenstr. 61, sehen wir in der ersten Etage eine Büste. Ich schätze, die fällt kaum jemanden auf, wer schaut schon die Fassaden hoch, wenn er hier vorbeigeht. Irgendwann ist sie mir dann doch aufgefallen, aber natürlich hatte ich keinen blassen Schimmer, um wen es sich handeln sollte. Also mal wieder Recherchearbeit angesagt. Gesagt, getan. Jetzt kann ich euch ein wenig über diesen Herrn erzählen. Und ich sage es gleich, ich war schwer überrascht. Viel Hoffnung, etwas zu erfahren, hatte ich nicht. Oft sind es Büsten, die aus irgendwelchen eher privaten Gründen hergestellt wurden. Hier nicht.

Dieser Herr ist in der Kölner Geschichte als der rote Becker bekannt und war Oberbürgermeister hier in unserer Stadt. Dä. Der Mann in feinem Zwirn mit Schnurrbart, einer Art Ordenskette (die hätte mich eigentlich stutzig machen müssen), stellt Hermann Becker dar. Der rote Becker, zum einen wegen seiner roten Haare so genannt, zum anderen wegen seiner politischen Gesinnung.

Bereits vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister hatte er eine höchst spannende Vita vorzuweisen. Gerade was die politische Seite anbelangt. So gehörte er im Kölner Arbeiterverein zu den Führungspersönlichkeiten, gerade um 1848 war er hier sehr aktiv. So mischte er auch bei der „Neue Rheinische Zeitung“ mit, ihr erinnert euch, die von Karl Marx, ich berichtete ja bereits davon. Nun, diese wurde ja verboten, und so gründete er die „Westdeutsche Zeitung“.

Natürlich gab es auch hier regelmässig Ärger mit den Behörden, genau wie vorher bei der Zeitung von Karl Marx. Majestätsbeleidigung und Aufstachelung der Bevölkerung waren nur zwei der schweren Vorwürfe der Justiz an ihn. Im berühmten „Kommunistenprozess“ saß auch Hermann Becker auf der Anklagebank. So saß er für fünf Jahre in Festungshaft und wurde danach in Köln zur unerwünschten Person erklärt und durfte die Stadt nicht betreten. Während dieser Zeit lebte er in Dortmund. Dann passierte durch politische Veränderungen etwas sehr außergewöhnliches. Er wurde in Abwesenheit zum Kölner Oberbürgermeister gewählt und durfte nun wieder zurück nach Köln.

Während seiner Amtszeit war er maßgeblich für die Schleifung der mittelalterlichen Stadtmauer verantwortlich, versuchte alles um diese voranzutreiben. Er wollte mit aller Macht die Stadterweiterung, was nur ohne die Stadtmauer gelingen konnte. Ebenfalls hatte er ein Auge auf einige Orte außerhalb geworfen und wollte diese gerne der Stadt zuführen. Wachstum war angesagt.

Die Büste ist hier am Haus angebracht, weil er von 1875 bis 1885 hier lebte. Nach 10-jähriger Amtszeit starb Hermann Becker im Alter von 65 Jahren. Sein Nachfolger als Oberbürgermeister war übrigens wieder ein „Becker“. Es wurde der Düsseldorfer Wilhelm Becker zum Nachfolger gewählt. Er wurde der „lange Becker“ gerufen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Vorgestellt: Hermann Becker Büste
Ort: Friesenstr. 61, 50670 Köln
Anfahrt: Friesenplatz, Linien 3,4,5,12,15

Euch eine gute Woche, bleibt neugierig und aufmerksam,
euer Ronald

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