Mein Glaspalast – Unser HBF

Tausendmal habe ich dich mittlerweile besucht. Schon früher als Jugendlicher hast du mich magisch angezogen. Oben am Bahnsteig sitzen und diese unglaubliche Stimmung aufnehmen. Die Menschen, hektisch, immer in Eile, die verschiedenen Sprachen, das hat mich fasziniert. Manchmal, wenn an beiden Gleisen Züge standen kamst du mir gar nicht mehr so groß vor. Dann ging der Blick nach oben, hin zu deinem nicht enden wollenden Dach.
Dann all diese verschiedenen Züge, aufregend war es. Damals warst du noch nicht so modern, eher schmutzig und ein wenig verrucht. Der Ausgang Breslauer Platz war für mich irgendwie auch eine kleine Mutprobe. Jedenfalls habe ich es so in Erinnerung.Unten gab es einen Stand der Milchshakes verkaufte, das war immer ein Genuss wenn ich es mir leisten konnte. Ja, unfassbar heute, aber so ein Milchshake war für mich etwas besonderes und ein absolutes Highlight. Schöne Zeiten. Wehmut kommt auf.

Für viele Menschen bist du einfach ein Umsteigepunkt, für mich warst und bist du mit dem Dom und der Hohenzollernbrücke das Tor in die Welt. Ausgangspunkt für unzählige Erlebnisse die sich tief in mein Herz gegraben haben und ein wichtiges Stück Heimat für mich sind.

Was mir damals schon imponiert hat war dein Dach. Riesig kam es mir vor und auch heute bewundere ich diese Konstruktion jedesmal. Schon von außen sieht es toll aus, aber von den Bahnsteigen aus ist dieses Dach einfach unglaublich schön und imposant.

Im September 1957 wurde das neue Empfangsgebäude eröffnet. Die Glasfassade zum Bahnhofsvorplatz und die schalenförmige Dachkonstruktion machen schon schwer was her. Auch im inneren hast du dich schwer verändert, schön bist du geworden. Wer dich noch von früher kennt wird mir sicher Recht geben. Aber ich vermisse meine Erdbeershakes. Wie konntest du nur zulassen dass die Bude weg kam?

Aber egal ob die Halle heute eine kleine Einkaufsstadt beherbergt oder der Vorplatz heute aufgeräumt daher kommt. Ich mag dich. Übrigens vermisse ich auch die wunderbaren Reibekuchen die es hier früher gab, wollte ich nur mal erwähnen, noch heute habe ich den Geruch in der Nase wenn ich den Vorplatz betrete.

Aber mein Eyecatcher ist und bleibt das Dach.
Wunderschön kommt es daher. Was für eine Riesenfläche. Und sauber ist es mittlerweile. Ein Reinigungsroboter sorgt jetzt dafür. Lange hat es gedauert bis man eine Lösung zur Reinigung des Daches gefunden hat. Jetzt mit dem „Hycleaner“ scheint es zu funktionieren.
80 kg soll die Maschine wiegen, Akkubetrieben soll der Roboter sein und bis zu 6 Liter Wasser verbraucht er pro Minute. Damit die Wasserzufuhr gesichert ist, sind auf dem Dach satte 600 Meter Schlauch verteilt.
Und so betrete ich auch heute sehr gerne diesen Glaspalast, denn durch meine Erinnerungen ist er das für mich und wird es immer bleiben. Das Dach dürfte heute etwas anders sein, aber immer noch wunderschön.
Und wenn ich dann mal wieder oben auf dem Bahnsteig sitze, all diese oben genannten Sachen in mich aufnehme, manchmal abschweife und anfange zu träumen, dann sehe ich den jugendlichen Ronald hier sitzen.

Für viele ist dieser Bahnhof ein Ort um von A nach B zu kommen, mir gibt er das Gefühl zuhause zu sein. Er ist ein wichtiges Stück Heimat für mich und tief in meinem Herzen verankert.

Mit einem Erdbeershake und der Gewissheit dass es für immer mein Mittelpunkt der Erde sein wird. Dieser Bahnhof mit seinem wunderschönen Dach. Ich mag dich.
Die Menschen müssten dich mal mit meinen Augen sehen. Sie würden mich verstehen.

Dein Ronald