Ein unglaublicher Raub

Ein Deutscher, ein Jugoslawe und ein Italiener…so könnte einer jener Witze beginnen, die wir alle seit vielen Jahren kennen.

In diesem Fall aber war der jugoslawisch-stämmige Deutsche der Kopf DER Diebesbande, die den Raub des Kölner Domschatzes beging und mit zwei Komplizen in die kriminalistische Geschichte Kölns eingegangen ist.

November 1975. Es ist kurz nach Mitternacht, die Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen und es ist, wie für den November typisch, kalt und regnerisch. Außer drei jungen Leuten, zwei Brüder mit ihrer Schwester, die von einer Feier kommen und deren Heimweg zufällig über die Domplatte führt, ist niemand unterwegs. Das heißt – fast niemand. Denn da sind noch Ljubomir, Borislav und Vilijam, die drei, die sich gleich am Domschatz vergreifen werden.

Borislav und Vilijam allerdings haben erst heute am Tage erfahren, dass es sich bei dem anstehenden Raub um die Domschatzkammer handelt. Eigentlich wollen sie damit gar nichts zu tun haben, schließlich sind sie doch katholisch!
Aber bei der Aussicht auf eine halbe Million Mark für jeden, die Ljubomir ihnen als Beute in Aussicht stellt, schwindet bei beiden wohl dann doch jeglicher Glaube…

Eigentlich klingt es wie in einem schlechten Krimi, aber die drei benötigen tatsächlich nur eine Strickleiter, ein Seil, Schraubenschlüssel, eine Höhlenforscherlampe, zwei Sprechfunkgeräte und einen Sack für die Beute. Erreicht werden soll die Schatzkammer durch einen, in sechs Meter Höhe in der Wand angebrachten Ventilatorschacht.
Es ist soweit. Ljubomir und Vilijam (letzterer mit Borislav auf das Baugerüst geklettert) mit Funkgeräten ausgerüstet, überwachen von draußen den Polizeifunk, während Borislav, der schmalste von ihnen, sich durch den Schacht zur Schatzkammer zwängt. Er gelangt an ein Gitter, was aber nur kläglich durch Alarmdrähte gesichert ist, biegt diese nach oben und klettert in die Schatzkammer. Die beiden sich zu dieser Zeit in der Sakristei befindlichen Domwächter bekommen von all dem nichts mit. Noch nicht!

Denn nachdem Borislav eine Vitrine nach der anderen aufgebrochen und die Beute im Sack hat verschwinden lassen und sich gerade wieder auf den Rückweg machen will, fällt ihm eine Monstranz aus der Hand auf den Boden.

Es ist 00:25 Uhr. Die Domwächter hören den Lärm und da sie selbst keinen Schlüssel zur Schatzkammer besitzen, müssen sie den Küster verständigen. In dieser Zeit bindet Borislav den Sack mit der Beute an die Leine, lässt ihn von Vilijam hochziehen und klettert über die Strickleiter hinterher. Kurz darauf springen die beiden vom Baugerüst auf die Domplatte. Ihr Anführer hat sich während des Raubes hinter einem Kiosk versteckt und aufgepasst, ob nicht doch Polizisten in der Nähe sind. Gesehen worden sind die dreisten Räuber aber nur von den bereits erwähnten Geschwistern, vor dessen Füßen sie beim Sprung vom Baugerüst beinahe landen. Diese melden ihre Beobachtung der Bahnpolizei, welche sich aber als nicht zuständig erklärt (womit sie nicht ganz unrecht hat, wie der Name BAHNpolizei ja sagt)…

Das ganze Ausmaß des Schadens ist kaum abzusehen. Jahrhundertealte Schmuckstücke und viele andere wertvollen Gegenstände sind verschwunden.

Die Polizei kommt zwar durch schon früher von Ljubomir begangene Straftaten schnell auf die Verdächtigen, aber durch geschicktes Verstecken des Schatzes in einem fremden Keller kann zu diesem Zeitpunkt nichts bewiesen werden. Ljubomir setzt sich nach Jugoslawien ab, taucht aber drei Monate später wieder in Köln auf, und da findet die Polizei einen Erpresserbrief bei ihm. Der Kardinal soll eine Million Mark für die Beutestücke zahlen.

Dummerweise bietet Ljubomir als Beweis, dass er den Domschatz auch tatsächlich besitzt, einen Ring, der auf keiner Fahndungsmeldung ausgeschrieben ist, und niemand, außer den Wächtern der Schatzkammer und der Täter selbst, kann von diesem Ring wissen. Trotzdem kann man ihm aber mangels Beweisen am Raub selbst nur Hehlerei vorwerfen. Bis… ja bis zu dem Tag, an dem bei seinen ehemaligen Komplizen, beim Versuch, mit einem gestohlenen Fahrzeug eine Grenze zu passieren, ein Beutel mit zerschlagenen Schmuckstücken gefunden wird. Beide gestehen.

Jetzt geht alles seinen Gang. Ljubomir, wie auch seine Komplizen werden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Manches vom Domschatz kann sichergestellt werden, manches ist für immer verloren.

Heute wäre ein solcher Raub nicht mehr möglich, dafür hat man gesorgt. Zum Glück, denn der geschichtliche und ideelle Wert wäre unersetzlich. Und so können wir, und die, die nach uns kommen, auch weiterhin die Reliquien aus alten Zeiten bewundern.

(von Ramona Krippner)