Die Kehrseite der Medaille

Ihr Lieben, aus gegebenem Anlass – es wird in den nächsten Tagen ein weiteres Gerüst am Dom angebracht, um einen Sturmschaden reparieren zu können – veröffentliche ich heute noch einmal diesen Beitrag. Ich habe in den letzten Tagen im Internet sehr oft gelesen, wie über die Gerüste am Dom geschimpft wird und möchte einfach nur noch einmal darauf hinweisen, wie wichtig diese sind.

Die Kehrseite der Medaille

Unser Dom…wir alle kennen und lieben ihn. Was von ihm ausgeht, was er ausstrahlt, innen wie außen, was er uns damit gibt, ist unbeschreiblich. Von seiner Entstehung und seinem langen Weg und Kampf über die Jahrhunderte habe ich euch erzählt. Sein Schöpfer, Meister Gerhard, wusste, er würde ihn niemals vollendet sehen. So Gott wolle, würde er allenfalls die Vollendung des Domchores erleben. Er wusste, seine Arbeit würden noch Generationen nach ihm weiterführen. Viele Generationen…

Aber ob ihm auch bewusst war, was er den Menschen wirklich schenkte mit dieser Kathedrale? Vielleicht war es das. Und es war der Auftrag seines Lebens. Nachdem er schon an einem der Vorbilder des Kölner Domes, der Kathedrale von Amiens in Frankreich mitgearbeitet hatte, war es nun an ihm, ein solches Bauwerk in Köln zu erschaffen…

Jedesmal, wenn ich den Dom betrete, durch das Mittelschiff direkt zum Domchor schaue und diesen Anblick auf mich wirken lasse, denke ich an ihn und frage mich, ob er uns zusieht. Ob er sieht, dass seine Träume und Visionen wahr wurden. Diese Kathedrale ist Heimat. Ort der Begegnung, der Zuflucht, der Hoffnung und der Liebe. Und wir alle hoffen, dass das ewig so bleiben wird.

Aber jetzt kommen wir zu einem Knackpunkt. Wie oft habe ich, und ich wette, auch ihr, schon gehört: „Der Dom ist so schön, wenn nur diese hässlichen Gerüste nicht da dran wären“ oder „das verschandelt den ganzen Dom“. Diese Gerüste sind aber, ohne es dramatisieren zu wollen, lebensnotwendig für unseren Dom. Am Hauptgerüst z. B. sind mehrere Gerüstbauer ca. 2 Jahre lang damit beschäftigt, ein solches Gerüst anzubringen. Diese Arbeiten können nur bei perfektem Wetter ausgeführt werden, was wohl auch die lange Aufbauzeit erklärt. Hängt ein solches Gerüst, bleibt es für 10 Jahre an derselben Stelle. Somit hat man die Möglichkeit, brüchige Stellen auszubessern, ja, ganze Teile, wie Türmchen, zu erneuern und auszutauschen, die zuvor in monatelanger, liebevoller und originalgetreuer Handarbeit von Menschen gefertigt wurden, die stolz darauf sind, ein Teil derer zu sein, die dazu beitragen, den Dom zu erhalten. Damit er den Menschen, die ihn lieben, bleibt.

Was würde im Umkehrschluss passieren, wenn es diese Gerüste nicht gäbe? Manche mögen jetzt sagen: es würde schöner aussehen. Ja, aber für wie lange? Unser Dom würde zerfallen. Ab und zu bricht ein Stück Gestein ab und fällt herunter. Oder eine Verankerung löst sich im Sturm, wie gerade geschehen. Noch ist das nicht oft, aber ohne die ständigen Arbeiten am Dom wäre das bald die Regel. Die Domplatte, bzw. das ganze Gelände um den Dom herum müsste dauerhaft abgeriegelt werden, auch das Betreten unserer Kathedrale wäre dadurch nicht mehr möglich. Das alles würde nicht heute oder morgen geschehen, aber der Verlust unseres Domes wäre unaufhaltsam…ein Gedanke, den ich nichtmal zu Ende denken möchte…
Für mich persönlich gehören die Gerüste zum Dom, genauso, wie der Dom zu Köln gehört.

Frau Prof. Dr. Barbara Schock-Werner, ehemalige Dombaumeisterin des Kölner Domes, sagte einmal in einer Dokumentation, und ich zitiere: „Der Kölner Dom ohne Gerüst ist keine Wunschvorstellung, der Kölner Dom ohne Gerüst ist eine Schreckensvorstellung, denn der Kölner Dom ohne Gerüst ist der Dom ohne Pflege“.

Halten wir uns das immer vor Augen, wenn wir den Dom betrachten, dann werden er und die Gerüste, die eine Art Lebensader für ihn sind, zur Einheit auf dem Weg zur Ewigkeit…

Bis bald
eure Ramona

(von Ramona Krippner)